Neurodiversität im Bogensport: Fortbildungszyklus findet bei Artemis Wien seinen Abschluss
Wie können Trainerinnen und Trainer im Bogensport auf Menschen eingehen, die Informationen anders verarbeiten, Reize anders wahrnehmen oder andere Formen der Kommunikation benötigen? Genau darum ging es am Samstag, dem 5. September 2026, auf dem Schießplatz des UBSC Artemis Wien.
Von 9 bis 17 Uhr stand auf der Bogensportanlage am Claudia-Heill-Weg 4 in 1220 Wien nicht die perfekte Schusstechnik im Mittelpunkt, sondern ein Thema, das für eine moderne und inklusive Vereins- und Trainingsarbeit immer wichtiger wird: Neurodiversität im Bogensport.
Die vom Wiener Bogensportverband veranstaltete Fortbildung bildete gleichzeitig den Abschluss des mehrteiligen Übungsleiter-Fortbildungszyklus 2025/2026 mit Schwerpunkt Para- und inklusiver Bogensport.
Was bedeutet Neurodiversität?
Der Begriff Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und damit unterschiedliche Arten, Informationen wahrzunehmen, zu verarbeiten, zu lernen, zu kommunizieren oder auf Reize zu reagieren.
Im Zusammenhang mit Neurodivergenz werden beispielsweise Autismus, ADHS, Dyslexie oder andere neurologische und entwicklungsbedingte Besonderheiten genannt.
Entscheidend dabei ist der Blickwinkel: Menschen funktionieren nicht einfach „richtig“ oder „falsch“. Unterschiedliche Formen der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung können sowohl besondere Stärken als auch individuelle Herausforderungen mit sich bringen.
Gerade im Sport kann dieses Verständnis einen entscheidenden Unterschied machen.
Eine Trainingsanweisung, die für die eine Person völlig eindeutig ist, kann für eine andere zu unpräzise sein. Geräusche, viele gleichzeitig sprechende Menschen, unerwartete Änderungen im Trainingsablauf oder körperliche Nähe können unterschiedlich wahrgenommen werden. Manche Sportlerinnen und Sportler profitieren besonders von klaren Abläufen, visuellen Hilfen, kurzen und eindeutigen Anweisungen oder einer möglichst reizarmen Trainingssituation.
Damit wird Neurodiversität auch zu einem wichtigen Ausbildungsthema für Coaches.
Praxiswissen statt allgemeiner Patentrezepte
Als Ausbildnerin führte Enikö Bodor durch den Fortbildungstag.
Auf dem Programm standen Grundlagen und Begriffsdefinitionen ebenso wie Kommunikation und psychosoziale Aspekte. Ausführlich beschäftigten sich die Teilnehmerinnen damit, wie ein neuroinklusives Umfeld im Sportverein gestaltet werden kann und welche konkreten Werkzeuge und Methoden Trainerinnen und Trainer in ihrer täglichen Arbeit unterstützen können.
Fallbeispiele und gemeinsame Diskussionen sorgten dafür, dass es nicht bei theoretischem Wissen blieb.
Denn gerade beim Umgang mit neurodivergenten Menschen gibt es kein einfaches Schema, das auf alle Sportlerinnen und Sportler angewandt werden kann. Gute Trainingsarbeit bedeutet vielmehr, individuelle Bedürfnisse wahrzunehmen, Kommunikation gegebenenfalls anzupassen und gemeinsam Lösungen zu finden.
Enikö Bodor: Inklusion seit vielen Jahren Teil ihrer Arbeit
Mit Enikö Bodor stand dafür eine Ausbildnerin zur Verfügung, die pädagogische Kompetenz und langjährige Erfahrung im Bogensport miteinander verbindet.
Sie ist Volksschullehrerin, Konduktorin, staatlich geprüfte Bogensport-Trainerin und Jugendcoach und arbeitet seit vielen Jahren an der Integrativen Schule Hernals. Dort gehört Bogenschießen bereits seit vielen Jahren zum schulischen Angebot.
Auch im Para-Bogensport verfügt Bodor über besondere Erfahrung. Sie beschäftigte sich intensiv mit dem Training blinder und sehbehinderter Bogenschützinnen und Bogenschützen und war bereits als Co-Trainerin bei entsprechenden Spezialausbildungen tätig.
Zusätzlich absolvierte sie eine internationale Ausbildung von World Archery Europe zum Para Archery Coach. Dabei geht es unter anderem um unterschiedliche Para-Klassen, notwendige Anpassungen von Ausrüstung und Schießtechnik, Assistenz und Sicherheit sowie die Kommunikation und Trainingsplanung mit Para-Athletinnen und -Athleten.
Auch beim UBSC Artemis Wien ist ihr Engagement für Inklusion seit längerem sichtbar. Gemeinsam mit der Integrativen Schule Hernals entstanden bereits mehrere Projekte, bei denen Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam Bogensport ausüben.
Abschluss einer ganzen Fortbildungsreihe
Die Veranstaltung in Wien war nicht als einzelner, isolierter Weiterbildungstag gedacht. Mit ihr ging eine mehrteilige Para-Fortbildungsreihe des Wiener Bogensportverbandes im Rahmen des Übungsleiter-Fortbildungszyklus 2025/2026 zu Ende. An mehreren Terminen sollten Coaches zusätzliche Kompetenz für Para-Bogensport, Inklusion und den Umgang mit unterschiedlichen Voraussetzungen ihrer Sportlerinnen und Sportler erhalten.
Das ist für den Bogensport von besonderer Bedeutung.
Kaum eine andere Sportart lässt sich durch Anpassungen der Technik, des Materials oder des Trainingsumfeldes an derart unterschiedliche körperliche und individuelle Voraussetzungen anpassen. Damit daraus aber tatsächlich gelebte Inklusion entsteht, braucht es nicht nur barrierefreie Anlagen oder geeignetes Material – sondern vor allem entsprechend ausgebildete Menschen.
Trainerinnen und Trainer spielen dabei eine Schlüsselrolle.
Einen Wermutstropfen gab es allerdings: Das vereinsübergreifende Interesse an der abschließenden Fortbildung blieb diesmal aus.
Am Seminar „Neurodiversität im Bogensport“ nahmen ausschließlich Teilnehmerinnen des UBSC Artemis Wien teil.
Gerade angesichts der Bedeutung des Themas wäre eine breitere Beteiligung aus unterschiedlichen Vereinen wünschenswert gewesen. Neurodivergente Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt es schließlich nicht nur in spezialisierten Trainingsgruppen. Coaches können ihnen in praktisch jedem Verein, Anfängertraining, Jugendtraining oder Kurs begegnen.
Umso erfreulicher ist es, dass die anwesenden Teilnehmerinnen den gesamten Fortbildungstag nutzten, um sich intensiv mit diesem Bereich auseinanderzusetzen und das erworbene Wissen künftig unmittelbar in ihre Trainingsarbeit einfließen lassen können.
Bogensport kann Inklusion besonders gut
Der Abschluss des Fortbildungszyklus macht einmal mehr deutlich, dass Inklusion im Bogensport weit mehr bedeutet, als Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam an eine Schießlinie zu stellen.
Sie beginnt beim Verständnis füreinander.
Sie setzt Trainerinnen und Trainer voraus, die beobachten, zuhören, ihre Kommunikation anpassen und bereit sind, gewohnte Trainingsmethoden zu hinterfragen.
Genau solche Fortbildungen können dazu beitragen, dass aus dem oft verwendeten Begriff „Sport für alle“ tatsächlich gelebte Realität wird.
Ein Dank gilt dem Wiener Bogensportverband für die Organisation des Fortbildungszyklus, Enikö Bodor für die fachliche Gestaltung des abschließenden Seminartages sowie dem UBSC Artemis Wien für die Bereitstellung seiner Bogensportanlage in Kagran.
Die Ausschreibung und Anmeldung zum Fortbildungszyklus erfolgte über Archery Austria / den Österreichischen Bogensportverband.











